Die Europäische Kommission hat ihr sogenanntes „Food and Feed Safety Simplification Omnibus“-Paket zur angeblichen „Vereinfachung“ der EU-Vorschriften für Lebens- und Futtermittel vorgelegt. Was als Bürokratieabbau kommuniziert wird, bedeutet bei näherer Betrachtung einen tiefgreifenden Eingriff in zentrale Schutzmechanismen des europäischen Umwelt-, Verbraucher- und Gesundheitsrechts – mit potenziell weitreichenden Folgen für Mensch, Natur und Demokratie.
Profiteure dieser Reform wären vor allem große Agrar- und Chemiekonzerne. Die ökologischen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Risiken würden dagegen zunehmend auf die Allgemeinheit und zukünftige Generationen verlagert.
Glyphosat auf Dauer – Demokratie auf Zeit?
Ein besonders brisanter Punkt des Omnibus-Pakets erhält bislang erstaunlich wenig öffentliche Aufmerksamkeit: Künftig sollen Pestizidwirkstoffe grundsätzlich unbefristet zugelassen werden – darunter auch Glyphosat. Der Wirkstoff steht seit Jahren im Zentrum intensiver wissenschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Die bisherige zeitliche Befristung seiner Zulassung galt als zentraler Ausdruck des europäischen Vorsorgeprinzips.
Mit dem Omnibus-Paket droht dieses Prinzip faktisch aufgegeben zu werden. Statt regelmäßiger Neubewertungen sollen Wirkstoffe dauerhaft am Markt bleiben können – selbst dann, wenn neue Erkenntnisse auf Risiken für Gesundheit oder Umwelt hinweisen. Dass ausgerechnet Glyphosat, Symbolstoff der Pestiziddebatte in Europa, eine solche dauerhafte Perspektive erhalten soll, markiert einen grundlegenden politischen Paradigmenwechsel, der bislang weitgehend unter dem Radar der öffentlichen Debatte erfolgt.
Politischer Kurswechsel statt technischer Reform?
Unter dem Titel „Food and Feed Safety Simplification Omnibus“ bündelt die EU-Kommission Änderungen an rund einem Dutzend zentraler Rechtsvorschriften zur Lebensmittelsicherheit. Betroffen sind unter anderem Regelungen zu Pestiziden, Pestizidrückständen, Futtermitteln, BSE-Schutzmaßnahmen und Grenzkontrollen. Im Kern handelt es sich nicht um eine technische Anpassung, sondern um eine politische Neuausrichtung: Zentrale Schutzmechanismen werden geschwächt, während wirtschaftliche Interessen an Einfluss gewinnen.
Wissenschaftler:innen und Umweltorganisationen warnen davor, dass das Vorsorgeprinzip zunehmend zugunsten mächtiger Agrar- und Chemiekonzerne zurückgedrängt werden. Zudem sprechen Rechtsexpert:innen von einem demokratisch fragwürdigen Schnellverfahren, das Transparenz, Beteiligung und evidenzbasierte Politik untergräbt. Besonders problematisch: der Vorschlag wurde ohne umfassende Folgenabschätzung und ohne breite öffentliche Konsultation vorgelegt.
Dieser Artikel ordnet das Omnibus-Paket ein, benennt die zentralen Risiken – und zeigt, warum der Schutz der biologischen Vielfalt keine Randfrage ist, sondern die Grundlage von Ernährungssicherheit, Ernährungssouveränität und gesellschaftlicher Resilienz.
Pestizide im Fokus: Weniger Kontrolle, mehr Risiko
Der gravierendste Teil des Omnibus-Pakets betrifft das Pestizidrecht. Künftig sollen viele Wirkstoffe unbefristet zugelassen werden. Damit würden regelmäßige wissenschaftliche Neubewertungen – bislang ein zentrales Element des europäischen Vorsorgeprinzips – weitgehend entfallen.
Gerade diese Neubewertungen waren in der Vergangenheit entscheidend, um gefährliche Substanzen nach neuen Erkenntnissen vom Markt zu nehmen. Ohne sie besteht die Gefahr, dass Pestizide über Jahrzehnte eingesetzt werden, obwohl Hinweise auf Gesundheits- oder Umweltschäden vorliegen.
Zudem sollen Übergangsfristen verlängert und Ausnahmeregelungen ausgeweitet werden. Unklare Begriffe wie „Notwendigkeit“ oder „zumutbare Alternativen“ schaffen dabei erheblichen Interpretationsspielraum – zulasten des Vorsorgegedankens.
Kritiker:innen sehen darin ein Einfallstor für Lobbyismus: Wirtschaftliche Interessen können so Einfluss auf Zulassungen nehmen, während Risiken für Mensch und Umwelt in den Hintergrund treten.
Machtverschiebung und Interessenkonflikte
Zahlreiche Stimmen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft sehen in diesen Änderungen eine klare Verschiebung politischer Prioritäten. Regelungen, die Unternehmen als wirtschaftliche Belastung empfinden, sollen gelockert oder abgeschafft werden – selbst dann, wenn sie dem Schutz von Umwelt und Bevölkerung dienen.
Die Interessen von Verbraucher:innen, Landwirt:innen und zukünftigen Generationen drohen dabei hinter kurzfristigen ökonomischen Vorteilen zurückzustehen.
Artenvielfalt: Grundlage allen Lebens und unserer Ernährung
Die Diskussion um das Omnibus-Paket kann nicht losgelöst vom Zustand unserer Ökosysteme geführt werden. Die biologische Vielfalt bildet die Grundlage unserer Ernährungssysteme – und sie ist massiv bedroht.
Besonders deutlich zeigt sich dies am drastischen Rückgang der Insekten, obwohl diese für intakte, ökologische Kreisläufe unverzichtbar sind:
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Sie bestäuben einen Großteil unserer Nutz- und Wildpflanzen.
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Sie sind Nahrungsgrundlage für Vögel, Fische, Amphibien und viele andere Tiere.
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Sie zersetzen organisches Material, räumen Kadaver und Kot weg.
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Sie tragen zur Bodenfruchtbarkeit bei und unterstützen den Nährstoffkreislauf.
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Sie helfen, Gewässer zu reinigen und Ökosysteme stabil zu halten.
Ohne Insekten – und ohne Biodiversität insgesamt – bricht dieses Netzwerk zusammen. Artenvielfalt ist also kein ökologischer Luxus, sondern ein funktionales Sicherheitsnetz.
Ohne Biodiversität keine Ernährungssouveränität
Ernährungssouveränität bedeutet, langfristig und unabhängig von Krisen ausreichend und gesunde Lebensmittel erzeugen zu können. Diese Sicherheit entsteht nicht durch immer höheren Einsatz von Agrargiften oder durch globale Abhängigkeiten von chemischen Inputs.
Im Gegenteil: Ein auf Pestiziden basierendes System schwächt die natürlichen Grundlagen der Landwirtschaft. Es reduziert Bestäuberpopulationen, schädigt Böden und macht Anbausysteme anfälliger für Schädlinge, Krankheiten und Klimaextreme. Zahlreiche Studien zeigen die Folgen bereits heute:
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Die Biomasse fliegender Insekten ist in Teilen Europas um über 75 % zurückgegangen.
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Vogelpopulationen brechen ein, weil ihre Nahrungsgrundlage verschwindet.
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Ein Großteil der europäischen Böden ist mit Pestizidrückständen belastet, teils auch mit längst verbotenen Stoffen.
Agrarpolitik als strukturelle Ursache
Diese Entwicklungen sind kein Zufall. Über Jahrzehnte hat die europäische Agrarpolitik Produktionsweisen gefördert, die auf Intensivierung, Spezialisierung und chemische Inputs setzen. Kleinbäuerliche, vielfältige Strukturen wurden verdrängt, während Monokulturen und industrielle Systeme wirtschaftlich begünstigt wurden.
Damit gingen regionale Kreisläufe verloren – und mit ihnen Wissen, Vielfalt und Anpassungsfähigkeit. Die Abhängigkeit von Pestiziden ist somit nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein politisches Problem.
Perspektive: Vielfalt als Zukunftsstrategie
Eine zukunftsfähige Ernährungspolitik muss den Schutz der Biodiversität ins Zentrum stellen. Regionale, resiliente Ernährungssysteme mit vielfältigen Fruchtfolgen, kurzen Lieferketten, Kreislaufwirtschaftsstrukturen und lebendigen Böden sind widerstandsfähiger gegenüber Krisen und sichern langfristig die Versorgung.
Solche Ansätze – oft als moderne Formen gemeinschaftlicher oder regionaler Bewirtschaftung beschrieben – stärken Gemeinwohl, Mitwelt und Ernährungssouveränität zugleich. Sie stehen im klaren Gegensatz zu einer Politik, die auf Deregulierung und chemische Vereinfachung setzt.
Fazit
Das „Food and Feed Omnibus“-Paket steht exemplarisch für einen politischen Kurs, der kurzfristige wirtschaftliche Interessen über langfristige ökologische und gesellschaftliche Stabilität stellt. Es schwächt das Vorsorgeprinzip, öffnet Lobbyeinflüssen Tür und Tor und gefährdet die biologische Vielfalt.
Ohne Artenvielfalt gibt es keine Ernährungssouveränität. Eine Politik, die immer mehr Agrargifte erlaubt, sichert unsere Ernährung nicht – sie untergräbt ihre eigenen Grundlagen.
Statt Deregulierung braucht es eine Stärkung von Umwelt- und Verbraucherschutz, transparente Gesetzgebung und eine Agrarpolitik, die Vielfalt als Voraussetzung für Leben und Versorgung begreift.
Mehr Infos dazu z.B. hier beim Umweltinstitut München:

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